„Die Formel ‚Sinn als Schrittmacher des Seins‘ meint: ein Bild steht intuitiv vor dem Menschen, das das Thema enthält, was dieser werden soll. Dieses Bild schwebt ihm im Lebensalltag vor und leitet sein Handeln. Gelingt die Synchronisation des Lebens mit dieser Zielperspektive, dann erlebt der Mensch inneres Erfülltsein, dann kann der Mensch zu seiner Ruhe gelangen, dann ist er mit sich und der Welt im Einklang.“ (Viktor Frankl, ÄS?? …. Wörterbuch S. 442f)
Eine Krise muss kein Endpunkt sein
Dieses Zitat von Viktor Frankl weckt im Leser die Sehnsucht nach einem sinnorientierten Leben und regt uns an, logotherapeutische Sichtweisen (auch präventiv) ins persönliche Leben hineinzunehmen. Doch meistens führen herausfordernde Lebenssituationen zum Logotherapeuten. Krisen und Krankheit, persönliche oder berufliche Umbruchsituationen, Schuld und Tragik können uns schnell den Boden unter den Füßen wegziehen. Die wertfokussierte und ressourcenorientierte Ausrichtung der Logotherapie & Existenzanalyse bietet einen Perspektivwechsel auf Mensch, Situation und Gesellschaft, sie hebt sozusagen den Blick über den Tellerrand hinaus.
Aus der sinnwidrigen Festlegung in die Metamorphose
In der logotherapeutischen Beratung werden wir angeregt, innezuhalten, Sinnwidriges loszulassen und neue Sichtweisen zu entwickeln, um gestärkt und mutig ins Tun zu kommen und die gefangen setzenden Begrenzungen zu überwinden. Damit drücken wir den Umständen den eigenen Stempel auf („Trotzmacht des Geistes“ nach Frankl: „Ich muss mir von mir nicht alles gefallen lassen!“). Im gemeinsamen Hineindenken und -spüren werden neue sinn- und werteorientierte Vorstellungen und Möglichkeiten erarbeitet, die den Blick nach vorne richten und den dem Menschen innewohnenden Willen zum Sinn aktivieren. Aus der Distanz heraus betrachtet wird die Aufmerksamkeit gelenkt auf konkret Sinnträchtiges: Wo soll es hingehen? Und gar: Wo kann ich über mich hinauswachsen (Selbsttranszendenz)?
Selbsttranszendenz besagt, dass der Mensch ganz ist „genau in dem Maße, in dem er sich übersieht und vergißt, in dem er sich selbst hinter sich läßt, im Dienst an einer Sache, in der Erfüllung eines Sinnes oder in der Hingabe an eine Aufgabe oder an einen anderen Menschen, einen Partner, da wird er ganz er selbst.“ (Viktor Frankl: Im Anfang war der Sinn, S.32)
Sinn ist immer bereits da: Er lässt sich finden, aber nicht erfinden. Er ist dem Menschen als Aufgabe aufgetragen und sind wir empfänglich, fühlen wir uns von ihm ganz persönlich angesprochen. Um den einmaligen und einzigartigen Sinn jeder Situation aufspüren zu können, kommt dem Gewissen („Sinn-Organ“ nach Frankl) als innerer Stimme ein Vetorecht zu. Hinter der jeweiligen Wirklichkeit leuchtet eine Sinnmöglichkeit auf und lässt den Menschen hoffen, dass ihn nicht nur die „tragische Trias“ von Leid, Schuld und Tod – herausfordert. Auch „das heitere Trio“ – Freude, Dankbarkeit und Humor – lädt ihn ein, seinen Bedrängnissen zu trotzen und bewusst und erhellend die positiven Seiten seines Lebens wahrzunehmen.
Die Logotherapie hilft uns, mitten im Supergau den Sinn zu entdecken. Sie lenkt den Blick zu den uns aufleuchtenden Werten, die uns dann trotz der Angst vor dem Handeln den Weg aus der Krise weisen.
